“I’ve crossed oceans of time to find you.”
— D.
Dunkle, blutrote Szenerien, Kostüme aus einer anderen Welt und eine Romance, die Jahrhunderte überdauert.
Dieses Halloween möchte ich meine Zeit und Aufmerksamkeit einem der faszinierendsten und auch gewissermaßen einflussreichsten Filme seines Genres widmen: der 1992 erschienenen, vom Großmeister Francis Ford Coppola inszenierten Adaption von Bram Stoker’s Dracula.
Das Buch und vor allem seine namensgebende Figur gehören wohl zum Bekanntesten, was das Horror-Genre je hervorgebracht hat. 1897 erschienen, brachte es dem Autor, wie so oft, jedoch erst nach seinem Tod so richtig Ruhm. Für großes Aufsehen sorgte die Geschichte erstmals, als 1922 eine nicht autorisierte Adaption von F.W. Murnau namens Nosferatu auf der großen Leinwand erschien, was zu einem späteren Rechtsstreit mit Stokers Witwe führte. Nosferatu entwickelte im Laufe der Zeit sein eigenes Kult-Following, doch darum soll es heute nicht gehen. Heute geht es um die romantisierte, erotisierte Version von Coppola.
Dieser verzichtete aufgrund vorhergegangener Budget-Desaster auf Dreharbeiten in Rumänien und inszenierte den Film deshalb fast ausschließlich im Studio. Unter anderem aus diesem Grund sieht ein Großteil des Films wie Theater aus, was durch das fast schon überzogene Schauspiel unterstrichen wird. Der größte Hingucker und am Ende auch Oscar-Gewinner sind eindeutig die Kostüme. Coppola vertraute dabei der japanischen Grafik-Designerin Eiko Ishioka. Diese zauberte Looks, inspiriert von Samurai, Klimt-Gemälden und der menschlichen Anatomie. Der ikonische Look des alten Grafen mit seinem Doppel-Dutt und dem wunderschönen roten Gewand ist vermutlich das Eindrucksvollste. Hier jedoch einen Look hervorzuheben wäre fast schon Blasphemie, denn jeder einzelne verdient die vollste Aufmerksamkeit. Jede Figur glänzt durch atemberaubende Kostüme und wunderbares Make-up, welches auch einen Oscar einheimste. Man hielt sich ganz an Coppolas Aussage “The costumes will be the set”. Wer den Film gesehen hat, wird wissen, wovon ich rede — visuell fährt dieser Film auf einer ganz eigenen Schiene.
Zum Plot: Jonathan Harker reist nach Transsilvanien, um einem gewissen Grafen Dracula zu helfen, Immobilien in London zu erwerben. Nachdem dieser aber in Harkers Verlobter Mina eine Reinkarnation seiner verstorbenen Elisabeta sieht, nimmt der Film seinen Lauf und die Zuschauer auf eine Reise mit, die sie wohl nie vergessen werden.
Die Story selbst lehnt sich größtenteils an das Buch an, Coppola jedoch hat sich genug einfallen lassen, um dem Ganzen seinen eigenen Spin zu verleihen. Sowohl die große Liebesgeschichte zwischen Dracula und Mina als auch der tragische Hintergrund des Grafen sind Erfindungen des Films. Die Figur, die im Original eigentlich das pure Böse verkörpert, bekommt so eine ganz andere Bedeutung. Das Ende wurde auch etwas angepasst, damit es zum Ton des Films passt. So schlägt der Regisseur auch bewusst eine ganz andere Linie ein als zuvor weltberühmte Adaptionen wie beispielsweise Dracula aus 1931.
Der große Scene-Stealer ist unumstritten Gary Oldman als Graf Dracula. Er verkörpert hier nicht nur eine Figur, sondern gleich mehrere, alles Verwandlungen des bösen Grafen. Der alte, mysteriöse Mann, der Harker in seinem Schloss einsperrt und in den prachtvollsten Roben herumgleitet, als gäbe es weder Raum noch Zeit. Der junge Prinz, der durch sein Charisma nach und nach die schöne Mina verführt. Oder aber der am Boden zerstörte Vlad, der seine Geliebte und somit den Glauben an die Kirche verlor, was ihn erst zu dem Monster machte, das er im Endeffekt ist. Oldman liefert hier Leistungen ab, die seinesgleichen suchen. Man merkt, wie er in diesem extrem bühnenhaften Setting so richtig aufgeht. Wer es ihm noch am ehesten gleichtut, ist niemand Geringeres als Philosoph und Doktor Abraham Van Helsing, gespielt von Anthony Hopkins. Dieser legt, was Theatralik angeht, sogar noch eine Schippe drauf und embraced das Theaterspielen so richtig. Sobald einer dieser Charaktere im Bild ist, vergisst man alles andere. Und das sollte nicht unbedingt die Leistungen der anderen Darsteller schmälern (außer vielleicht Keanu Reeves’ bodenlosem britischem Akzent), sondern einfach hervorheben, wie gut diese beiden in diesem Stück sind. Winona Ryder spielt eine traurige und verlorene Mina, während Sadie Frost eine aufregende, zum Schluss gefährliche Lucy zum Besten gibt.
Was den Film ebenfalls ausmacht, ist sein durchaus erotischer Touch. Nachdem die Liebesgeschichte schon dazugedichtet wurde, dachte sich Coppola wohl, wie er das noch auf die Spitze treiben kann. Et voilà, minutenlange Einstellungen, in denen geliebt, gestöhnt und verführt wird. Doch all das lässt den Film nicht billig wirken, sondern gibt dem Ganzen noch mehr Charakter, wie ich finde. Mehr noch: Das Verlangen nach einer bösen, übermenschlichen und irgendwo unerreichbaren Kraft wird hier perfekt eingefangen. Auch der Aufbau in Tagebuch-Struktur, wie es im Buch ebenfalls der Fall ist, lässt uns in die Köpfe der einzelnen Charaktere eintauchen, wo sich das ein oder andere Geheimnis verbirgt. All das lässt auch die Charakterentwicklung nachvollziehbarer wirken, was insbesondere bei Mina ein aufregender Ritt ist.
Mit 128 Minuten ist auch die Lauflänge in einem perfekten Rahmen. Der Film fühlt sich an keiner Stelle zu lang an. Bei den ganzen wunderschönen Sets und Kostümen könnte man eher noch die ein oder andere Stunde mehr in diese Welt eintauchen. Die Reise nach Transsilvanien fühlt sich anstrengend und düster an, man riecht fast die Straßen Londons am Ende des 19. Jahrhunderts und im Schloss des Grafen spürt man die bösen, uralten Kräfte durch den Bildschirm.
Es zahlt sich aus, dafür die Ozeane der Zeit zu überqueren.
